Menschen mit Asperger-Syndrom haben Mühe, sich in andere hineinzuversetzen, und erkennen nicht, wie sich das Gegenüber gerade fühlt oder was es möchte. Nonverbale Codes in Form von Mimik, Gestik und Körperhaltung nehmen sie oft nicht wahr oder interpretieren diese falsch. Es fällt auch auf, dass Ironie und zwischen den Zeilen geäußerte Absichten oder bildhafte Redensarten oft missverstanden oder wortwörtlich genommen würden. Ohne ständige Rückmeldungen von außen ist die Welt für Asperger-Betroffene schwer vorhersagbar und extrem unsicher. Asperger-Autisten lieben deshalb feste und verlässliche Abläufe und Strukturen, die ihnen vertraut sind und sich ständig wiederholen. Neues, Veränderungen, Spontaneität und Überraschungen lehnen sie ab, weil diese ihnen Angst machen. Dies äußert sich bei jedem Mensch anders. Manche wollen die immer gleichen Ausflüge machen oder die Ferien stets am selben Ort verbringen, andere täglich dieselben Speisen essen.
Typisch für Asperger ist auch, dass sie häufig Spezialinteressen entwickeln, die oft nicht alterstypisch sind und deshalb etwas seltsam wirken. Dabei beachten sie viele Details und merken sich aussergewöhnlich viele Fakten. Bei Jungs stammen die Vorlieben meist aus den Bereichen Naturwissenschaft und Technik. Darüber hinaus beschäftigen sich beide Geschlechter oft auch überaus intensiv mit Computerspielen wie Minecraft, bei denen Welten erschaffen werden.
Ein weiteres Merkmal der veränderten Wahrnehmung beim Asperger-Syndrom ist die Über- beziehungsweise Unterempfindlichkeit der Sensorik. Normale Sinneseindrücke empfinden Menschen mit Asperger oft deutlich stärker oder aber merklich schwächer als andere Menschen. Schon zarte Berührungen durch einen Luftzug auf der Haut, aber auch Haarewaschen oder Duschen können sie als extrem unangenehm bis schmerzhaft empfinden. Geräusche sind ihnen schnell zu laut, und Gerüche von Deos können ihnen ein unangenehmes Stechen in der Nase verursachen. Kältereize und Schmerzen nehmen Asperger-Betroffene dagegen oft weniger ausgeprägt wahr. Umgekehrt wirkten bestimmte Sinneseindrücke, ausgelöst zum Beispiel durch das Streichen über kühle, glatte oder weiche, flauschige Flächen, beruhigend auf das Nervensystem. Oft werden diese Bewegungen mehrmals wiederholt um sich zu beruhigen und zu regulieren. Auch ihr oft fehlender Blickkontakt falle auf. Viele Verhaltensweisen, die Asperger zeigen, ergeben im Hinblick auf die Art und Weise, wie sie die Welt wahrnehmen Sinn. Auf andere wirken ihre Handlungen jedoch oft unpassend, egozentrisch oder einfach nur befremdlich. Nicht selten eckten besonders Kinder mit Asperger deshalb an oder werden Opfer von Ausgrenzung oder Mobbing.
Insbesondere Kinder mit Asperger entwickeln deshalb mitunter eine toxische Strategie, um mit Altersgenossen mitzuhalten: Sie beobachten deren Mimik und Gestik ganz genau und kopieren sie anschließend. Spätestens aber mit Beginn der Pubertät, wenn die Sozialkompetenzen bei den anderen deutlich ausgeprägter werden, haben sie damit weniger Erfolg. In der Folge entsteht bei den Betroffenen ein immenser Leidensdruck, weil sie es trotz größter Anstrengung nicht schaffen, ihren sozialen Entwicklungsrückstand zu überspielen. Durch die andauernde Schauspielerei und Überanpassung verleugnen sie sich selbst und spüren trotzdem, dass sie nicht genügen. Das führt häufig zu einer massiven Selbstabwertung mit Folgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Zwängen, Essstörungen sowie selbstverletzendem Verhalten und Selbstmordgedanken. Entsprechend gehört Borderline zu den am häufigsten gestellten Fehldiagnosen bei Asperger.
Die Mimik – die Nachahmung – bewirkt auch, dass das Asperger-Syndrom mehrheitlich nicht oder erst sehr spät erkannt wird. Auch sind typische Auffälligkeiten wie fehlender Blickkontakt und das zurückgezogene Verhalten, sozial eher akzeptiert zu werden, schlicht als Schüchternheit ausgelegt. Anzeichen, die auf das Asperger-Syndrom hinweisen können, sind – neben den bereits genannten Symptomen – Schlafprobleme, eine ständige Überreiztheit, Wutanfälle zu Hause, während in der Schule alles funktioniert, sowie emotionaler Rückzug und emotionale Aus- und Zusammenbrüche. Häufig treten die Auffälligkeiten im Zusammenhang mit äußeren Veränderungen wie Umzug, Schulwechsel, Scheidung der Eltern oder der Geburt eines Geschwisterkindes auf. So kann ein Schulwechsel von der Primarschule auf die Oberstufe bei einem zuvor gut integrierten Asperger innerhalb von Wochen zur kompletten Schulverweigerung führen. Denn die neue Situation samt unbekannter Umgebung und gesteigerten Anforderungen kann ein Kind mit Asperger oft nicht mehr selbst kompensieren, was dann zur totalen Überforderung führt.
Formal ist Asperger zwar eine Krankheit. Wir verstehen darunter aber vor allem eine andere Art, die Welt wahrzunehmen, die nicht nur Schwächen, sondern auch Stärken mit sich bringt. Asperger ist nicht heilbar und muss auch nicht geheilt werden. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, gerade Kinder mit Asperger in ihrer Entwicklung positiv zu unterstützen und ihnen zu helfen, sich in Gemeinschaften besser zu integrieren.
Asperger-Autisten haben auch jede Menge Stärken zu bieten: Sie neigen zu weniger Vorurteilen und gelten als hilfsbereit, loyal und zuverlässig. Asperger-Autisten sind komplett unbestechlich und immer und überall zu 100 Prozent ehrlich. Der berühmte Spruch „Sag immer die Wahrheit, aber sag die Wahrheit nicht immer“ – der zweite Teil funktioniert beim Autisten nicht. Das kann im betrieblichen Alltag auch zu Problemen führen.
Weil die Ausprägung des Asperger-Syndroms eine große Bandbreite hat, ist tatsächlich nicht in jedem Fall eine Behandlung notwendig. Es gibt durchaus Asperger, die insgesamt gut klarkommen, weil sie nur leichte Defizite und viele Ressourcen haben oder – manchmal sogar noch darüber hinaus – unter besonders günstigen Voraussetzungen leben. Dazu gehören beispielsweise eine reizarme Umgebung, ausreichend Pausen und Rückzugsmöglichkeiten, bei Kindern kleinere Klassen, eventuell eine Schulbegleitung sowie Respekt, Geduld und Rücksichtnahme den Betroffenen gegenüber.
Gerade Kinder mit Asperger wünschen sich Freundschaften. Sie wissen einfach oft nicht, wie sie das anstellen sollen.