Erwartungshaltung

Erwartungen sind etwas so Selbstverständliches, dass man fast sagen könnte, die Gesellschaft bestehe aus Erwartungen. Ohne die Gewissheit, dass meine Erwartungen sich bestätigen werden, wäre kein soziales Leben möglich. Daran ändert auch nichts, dass man oft gerade das Unerwartete erwartet,

Erwartungen können sehr grundsätzlicher Art sein – zum Beispiel dass alles so bleibt, wie es ist. Oder sehr spezifisch, wenn sie sich auf das erwartete Eintreten eines ganz bestimmten Ereignisses beziehen. Auch nehmen Erwartungen oft die Gestalt von Hoffnungen an, etwa die, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben werden. Meistens beziehen sich Erwartungen aber auf das Verhalten anderer, von denen wir eben ein ganz bestimmtes, typisches Verhalten erwarten. Die wichtigste Erwartung ist aber die, dass meine Erwartungen nicht enttäuscht werden.

Das Problem ist nur, dass sich Erwartungen immer auf zukünftige Ereignisse beziehen. Plane ich etwa für das kommende Wochenende einen Ausflug mit der Erwartung, am Samstag schönes Wetter zu haben, sollte ich mich wenigstens mal über die Wetterprognose informieren. Und dennoch ist es natürlich völlig unmöglich, alle für den Ausflug relevanten Erwartungen zu überprüfen. Es könnte sogar sein, dass sich meine Erwartung, am Wochenende tatsächlich immer noch einen Ausflug machen zu wollen, dann am Ende als Selbsttäuschung herausstellt, weil sich meine eigenen Präferenzen inzwischen geändert haben.

Wir phantasierten uns nicht willkürlich irgendwelche Zukünfte zusammen, doch rational könnte man Erwartungen auch nicht nennen. Rationales Handeln setze schließlich voraus, dass alle Beziehungen, die eine Situation beeinflussten, identifiziert seien. Auch dem soziologischen Laien dürfte klar sein, dass das schlicht unmöglich ist. Stattdessen erzählen wir uns Geschichten, die uns im Moment einer Entscheidung als hinreichend glaubwürdige Beschreibungen der Zukunft erscheinen. Und meistens kommen wir damit ja auch gut durchs Leben.

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